Biografie

 

Igor Sacharow-Ross

Igor Sacharow-Ross zählt zu den Pionieren auf dem Gebiet des interdisziplinären Kunstschaffens. Konsequent verfolgt er den grenzüberschreitenden Leitgedanken der Syntopie und sucht die gedachte Trennung der „Welt um uns“ und der „Welt in uns“ zu überwinden.
Sacharow-Ross wurde in Ostsibirien geboren und in den 70er Jahren als Mitglied der nonkonformistischen Kunstszene politisch verfolgt. Ab 1975 inszenierte er die ersten Aktionen und Performances in der damaligen UdSSR, die schließlich 1978 zur Ausbürgerung führten. Seine frühe Auseinandersetzung mit dem Naturbegriff ist von seinen Jugenderfahrungen in der sibirischen Taigalandschaft geprägt. Er versteht Natur als das Wirkungsfeld von Urkräften, die gleichermaßen segensreich wie zerstörerisch sein können. Seit den 80er Jahren arbeitet Sacharow-Ross mit molekularen Strukturen wie Krebszellen und Blattformen. Bereits damals suchte der Künstler naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit geisteswissenschaftlichen Überlegungen zu verbinden. Seit Ende der 90er Jahre arbeitet er an dem Projekt Sapiens/Sapiens zum Thema Menschen und Menschenrechte, das anlässlich der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission im März 2000 erstmals in Genf präsentiert wurde. Sein Annexbau eines Holzhauses im Stil der traditionellen udmurtischrussischen Bauernarchitektur als riesige Syntopieplastik an der Simultanhalle in Köln im Jahre 2004 auf das Gelände des Georg-Simon-Ohm Berufskollegs für Informatik und Medientechnologie in Köln transferiert.

Ohne hierarchische Ordnung sucht Sacharow-Ross mit überzeugender Konsequenz Disziplinen, Menschen und Orte miteinander zu verbinden und die begrenzte Perspektive des ich-zentrierten Künstlerindividuums hin zum Verbinder und Mediator zu verschieben. In der thematischen und motivischen Vielfalt seiner künstlerischen, oftmals laborartigen, Versuchsanordnungen, die sich in verschiedensten Medien als intermediale Raumcollagen bzw. -installationen manifestieren, zeigt sich die Methode des beobachtenden, erinnernden, kommunizierenden und erzählenden Erfinders und Erforschers. Die Quellen seiner Wissenslandschaften sind soziale, politische, ästhetische, wirtschaftliche und ökologische Denkräume, aus deren Kombinatorik er Interpretationen unterschiedlichster Prozessverläufe und Wahrnehmungsmöglichkeiten kreiert. Der komplexe, ergebnisoffene Raum, den seine materiellen wie immateriellen künstlerischen Transformationen von untersuchten gesellschaftlichen, kulturellen, historischen oder etwa naturwissenschaftlichen Phänomenen liefern, weist einen hohen Grad an ambivalenten Wahrheiten (bzw. „Wirklichkeiten“) und hybriden Lösungsmöglichkeiten auf und intendiert die Konstruktion neuer Wahrnehmungsmodelle und die Erkenntnis von Lebenswirklichkeiten bzw. Daseinsstrukturen dieser Welt. Somit sind Igor Sacharow-Ross’ künstlerische Arbeiten diskursive Analysen zu konkreten Wirklichkeiten und damit Beleg, wie Kunst im 21. Jahrhundert – durch ihren genreüberschreitenden, relationalen Charakter zu anderen Disziplinen – an der Betrachtung der Welt und ihrer Veränderung beizutragen im Stande ist.

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